Freitag, 30. Mai 2014

[Sandra] Rezension zu "Zone C" von Sebastian Caspar

Inhalt:
Crystal Meth ist ein Gemisch aus Ephedrin, Abflussreiniger und Batteriesäure. Eine Droge ohne Anspruch, härter und billiger als Kokain, und damit passend für den Osten Deutschlands. Der 19jährige Sten lebt dort mit seiner depressiven Mutter in einer Kleinstadt und sein Alltag wird bestimmt vom Konsum der Droge und Erinnerungen an seine Freundin Asic, die zum Studieren in den Westen gegangen ist. Da Asic seither nichts mehr von sich hören lässt verliert sich Sten immer mehr in kalten, unverbindlichen Beziehungen. Halt auf seiner ziellosen Suche findet er nur in dem unbeschwerten Verhältnis zu seinem Freund Monti, der scheinbar naiv und sorglos in den Tag hinein lebt. Was Sten nicht weiß: Monti birgt ein dunkles Geheimnis, und er selbst befindet sich näher am Abgrund, als ihm bewusst ist. Ein verstörendes Porträt der Nachwendejugend, die, geprägt durch ihr marodes Umfeld, an der Wirklichkeit zu zerbrechen droht.


Cover/Titel/Formales: 
Das Cover ist in schwarz, weiß und grün gehalten und der Einband hat eine wirklich tolle Haptik. Er ist leicht gummiert und fühlt sich sehr gut an. Auf dem Cover sieht man eine Darstellung von Kristallen/Splittern. Das passt sehr gut zum Inhalt, denn es sieht aus wie Crystal.
Zunächst hat es mich gewundert, wie dünn das Buch ist - es hat nur knapp 150 Seiten. Aber die Länge ist meiner Meinung nach genau richtig. Die Geschichte hat genug Raum, sich zu entfalten und die 150 Seiten reichen, um den gewünschten Einblick zu erlangen.

Meinung:
In diesem Buch geht es um den 19jährigen Sten. Er lebt im Osten Deutschlands und nimmt die Droge Crystal. Seine Freundin Asic hat ihn vor einigen Monaten verlassen um im Westen zu studieren und darüber kommt er nicht weg.
Ich habe lange überlegt, wie ich dieses Buch rezensieren soll, ohne dass man sich Sorgen macht, mit welchen Leuten ich mich rumtreibe, aber wenn ich nun eine ehrliche Rezension schreiben soll, muss ich wohl einfach ehrlich sein. Ich habe Menschen kennengelernt, die so ziemlich jeden Tag harte Drogen nehmen und das Leben eines jeden von ihnen sieht genauso aus, wie das von Sten.
In "Zone C" passiert an sich nicht allzu viel - wer sich also eine total actionreiche Geschichte mit vielen Wendungen verspricht, wird damit nicht so viel Spaß haben.
Aber darum geht es in dieser Geschichte sowieso nicht, denn von Spaß ist hier keine Rede.
Das Buch ist mehr als authentisch geschrieben - und das Leben eines Abhängigen macht keinen Spaß.
Beim Lesen überkamen mich Gefühle wie Hoffnungslosigkeit, Antriebslosigkeit, Depression.
In "Zone C" begleitet man für eine Zeit lang den Crystal-Abhängigen Sten. Es ist als ob man sich einfach für ein paar Monate zu ihm gesellt und seine Gedanken und Handlungen live miterlebt.
Es geht häufig nur darum, sich Crystal zu beschaffen, mehr oder weniger bedeutungslosen Sex zu haben und sich ansonsten einfach scheiße zu fühlen.
Besonders die Szenen mit Stens Mutter fand ich herzzerreißend traurig. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie verzweifelt diese Frau sich fühlen muss. Denn scheinbar bekommen alle mit, was mit Sten passiert - nur er selbst nicht. 
Dieser Roman zeigt deutlich, wie Sten (und vermutlich auch andere Menschen aus seinem Umfeld mit Drogenaffinität) abstumpfen. Er verliert sich in Kleinigkeiten, versinkt gedanklich stundenlang in irgendeinem Unsinn nur um das Große und Ganze auszublenden.
Ich kann mir gut vorstellen, wo seine Sucht herrührt, denn sein Familienumfeld scheint wirklich sehr marode zu sein und das Kapitel, in dem er Geburtstag hat, war auch wieder wie ein Schlag ins Gesicht. Selbstgebackener Kuchen? "Alles Liebe mein Schatz"? Als ob.
Jeder Tag ist wie der andere und jeder Tag ist scheiße.
Beim Lesen habe ich erstmals den Eindruck gehabt, dass sich viele Menschen ab einem bestimmten Punkt im Leben Gedanken darum machen, dass all dieser Überfluss in einer kalten und unpersönlichen Welt dafür verantwortlich ist, dass es allen scheiße geht. So philosophiert Sten zum Beispiel auf Seite 20 darüber, dass es vielleicht besser wäre, irgendwo im Dreck geboren worden zu sein und den Tag damit zu verbringen, zu einer Wasserstelle zu laufen. Ein ähnliches Zitat habe ich letztens von $ick bei Shore, Stein, Papier gehört..
Und wo wir schon beim Philosophieren sind: Ich finde, dieses Buch hat einen unvergleichlich interessanten Schreibstil. Sten ist nicht dumm, so wirkt er auf mich jedenfalls in keiner Minute. Sebastian Caspar schafft es, Sten die Stimme einer verzweifelten und trostlosen Jugend zu verleihen, die trotz - oder gerade wegen - aller Möglichkeiten absolut perspektivlos ist. Das Buch hat gerade auch wegen des Ost-West-Konflikts einen politischen Unterton, obwohl er aktiv nicht wirklich angerissen wird.


"Zone C" von Sebastian Caspar hat mich wirklich überzeugt. Es behandelt eine Thematik, die in der Öffentlichkeit gern totgeredet wird, doch aus eigener Erfahrung kann ich sagen - so fern ist das alles nicht. Ich finde es gut, dass jemand diesen Menschen eine Stimme verleiht und auf das Thema eingeht, ohne belehrend oder strafend zu sein.
Das Buch spielt mitten in einer Welt in der sogar die Werbeplakate ein "Entkräftet" prangen (S. 136) und das mitten unter uns.
Wer einen knallharten Einblick in die trostlose und verzerrte Realität eines jungen Abhängigen werfen möchte, bekommt mit "Zone C" die Möglichkeit.


Vielen Dank an den KLAK-Verlag!

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